Uschi Waser: Wut als Wille zur Aufklärung

Uschi Waser gehört zu den jenischen Frauen, die Schmerz, Wut und Empörung in Kraft umwandeln: in den Mut nämlich, hinzustehen und zu sagen: Ja, ich bin eine Jenische. Ich will, dass begangenes Unrecht anerkannt wird. Und das, obwohl sie mit ihren Ansichten auch bei Jenischen gelegentlich auf Unverständnis stösst.

Sie hat eine üble Heimkarriere hinter sich. Geboren 1952 in Rüti ZH. Uneheliches Kind einer jenischen Händlerin aus dem Geschlecht der Kollegger. Vormundschaft der Pro Juventute. Verschiedenste Heimstationen. Erziehung durch Nonnen, denen jedes pädagogische Verständnis gefehlt habe. Pflegefamilie. Langjähriger Missbrauch durch den Stiefvater, der schliesslich vom Gericht «mangels Beweisen» frei gesprochen wird. Manchmal wollte sie nicht mehr leben.

Im Alter von 19 Jahren heiratete sie einen Jenischen, der im Wohnwagen lebte. Das war ihre Sache nicht, sowenig wie hausieren. So zogen die beiden in eine Wohnung. Ursula war eben anders aufgewachsen. Unter Jenischen empfand sie sich als «Fremdkörper». Im Heim hatte sie Damenschneiderin gelernt. Doch lieber verdiente sie ihr Geld mit anderen Tätigkeiten, etwa im Büro der Bürstenfabrik Walther, wo sie an der Schreibmaschine mit den Tücken der Rechtschreibung kämpfte. «Sie haben uns um die Bildung betrogen», kommentiert sie.

Ihrer Tochter verbot sie, in der Öffentlichkeit über die Herkunft zu sprechen. «Sie sollte nicht leiden müssen wie ich in meinem Leben.» Nach dem zweiten Kind absolvierte sie eine Ausbildung, um als Krankenpflegerin in der Nacht arbeiten zu können.

Ein prägendes Erlebnis war, als die Regierung auf Druck der Öffentlichkeit beschloss, die Pro-Juventute-Akten den Betroffenen zugänglich zu machen. Was Uschi Waser darin 1989 über ihr Leben fand, brachte sie fast um den Verstand.

Doch trotz den Krisen fasste sie den Entschluss, fortan die Öffentlichkeit über das Geschehene aufzuklären. Es dürfe sich einfach nicht mehr wiederholen. Das war auch der Grund, warum sie ihre Lebensgeschichte einer Historikerin in allen Einzelheiten erzählte.

Nach dem Schock der Aktenlektüre konnte sie nicht mehr zurück in den Pflegeberuf. So machte sie eine weitere Ausbildung als Spielgruppenleiterin. Und sie liess sich in den Vorstand der Organisation «Naschet Jenische» wählen. Dies heisst auf jenisch: steht auf Jenische. Es ist eine Stiftung, die sich eben um die Belange der von der Aktion «Kinder der Landstrasse» Betroffenen kümmert. Bald war Uschi Waser deren Präsidentin. Liebenswürdig, wie sie im Umgang oft erscheint, dabei klug und hartnäckig, hatte sie als Frau oft einen schweren Stand, doch scheut sie sich nicht, auch Jenische zu kritisieren: «Als die Jenischen sogenannte Wiedergutmachungsgelder erhielten, sind manche einander noch das Leiden neidisch geworden». Gleichzeitig hält sie fest: «Damit hat man die Jenischen vollends zu Bettlern der Nation degradiert.»

Trotz Widerständen blieb Uschi Waser bei ihrem Engagement bis zur Gegenwart. Als Delegierte der nationalen Minderheit der Fahrenden ist sie auch in der «Stiftung Zukunft für Schweizer Fahrende» tätig.

Beruflich leitet sie Spielgruppen. Vor zehn Jahren heiratete sie zum zweiten Mal. Wenn etwas an die alte Kultur der Fahrenden erinnert, dann vielleicht ihre Tierliebe. So bietet sie heute den Umgang mit Lamas zu touristischen und therapeutischen Zwecken an.

Willi Wottreng

Zitierweise

Willi Wottreng, Uschi Waser: Wut als Wille zur Aufklärung , in: Schweizer Fahrende in Geschichte und Gegenwart. Eine Website der Stiftung Zukunft für Schweizer Fahrende <http://www.stiftung-fahrende.ch/geschichte-gegenwart/de/geschichte-der-fahrenden/biographien/uschi-waser-wut-als-wille-zur-aufklaerung> (Version vom 13.09.2011).

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