Bezeichnungen in den Landessprachen

Scherenschleifer

Scherenschleifer auf der Axenstrasse bei Flüelen UR, 1920er Jahre.

Quelle: 
Staatsarchiv Uri, Fotoarchiv Aschwanden.

Die unterschiedlichen Bezeichnungen geben sowohl Hinweise auf die Geschichte der Jenischen als auch auf die meist negative Wahrnehmung dieser Minderheit durch die sesshafte Mehrheitsgesellschaft.

Je nach Region und Zeit trifft man auf verschiedene Bezeichnungen. Sie widerspiegeln sowohl die Lebens- und Arbeitswelt der Jenischen als auch ihre soziale und rechtliche Stellung in der Gesellschaft. Viele dieser Begriffe beziehen sich nicht nur auf die Jenischen, sondern auf alle Personen mit mobilen Lebensformen oder gar auf die Fremden im allgemeinen. Fast alle hier vorgestellten Ausdrücke dienten zudem in der Umgangssprache als Fluch- und Schmachwörter und haben somit verunglimpfenden Charakter.

Seit dem Spätmittelalter verwendete man als Sammelbezeichnung für alle fahrenden Gruppen gerne den Begriff «Zigeuner» (frz. tziganes, it. zingari, rum. zagrinders), und zwar unhabhängig davon, ob es sich um Roma oder Jenische handelte, und ungeachtet der Tatsache, dass die meisten sogenannten Zigeuner, insbesondere in Osteuropa, sesshaft waren. In den letzten Jahrzehnten wurde dieser oft negativ besetzte Begriff zunehmend durch das Wort «Fahrende» (frz. gens du voyage, it. girovaghi, rum. viagiants) ersetzt. Aber auch hier ist eine Gleichsetzung mit dem Wort «Jenische» nicht sinnvoll. Zum einen bezeichnen sich nicht alle Fahrenden als Jenische, z. B. Schausteller oder ambulante Händler, zum anderen ist der grösste Teil der Jenischen sesshaft.

Landesfremde mit fahrender Lebensweise wurden ab dem ausgehenden 18. Jahrhundert gerne als «Vaganten» (frz. vagabonds, it. vaganti, rum. vagants) tituliert und kurzerhand mit Bettlern, Dieben, Strolchen und Gaunern gleichgesetzt. In der Deutschschweiz und im südlichen Deutschland trifft man auch auf die Bezeichnung «Jauner» für «Gauner im Sinne von diebischen Landstreichern», wie das Schweizerische Idiotikon vermerkt. Eine ähnliche Bedeutung umfasst auch das in der Inner- und Nordwestschweiz gebräuchliche Wort «Fecker», abgeleitet von «fecken», d. h. unstetig, müssig herumstreifen.

Die fahrende Lebens- und Arbeitsweise wurde im 19. Jahrhundert zunehmend als unzeitgemäss, ja als unvereinbar mit einer modernen, bürgerlich-sesshaften Lebensweise angesehen. Als eigentlicher Schlüsselbegriff mit dem Charakter eines rechtlich-medizinischen «Fachterminus» etabliert sich das Wort «Vagantität». Es bezeichnete einerseits einen Strafbestand, das Zuwiderhandeln gegen die immer strenger werdenden Vorschriften zum Wandergewerbe. Andererseits diagnostizierten Ärzte wie der Bündner Psychiater Johann Joseph Jörger «Vagantität» als Abirrung und erblich bedingte Krankheit.

Andere Begriffe haben ihren Ursprung in den Berufen oder Dienstleistungen, die traditionell von Jenischen verrichtet wurden. Aus einer Berufs- wurde so im Laufe der Zeit eine Gruppenbezeichnung für alle Jenischen und Fahrenden, und zwar unabhängig davon, ob sie diesen Beruf auch ausübten. Während die Bezeichnung «Kessler» (it. pentolaio, rum. parler) sich auf das Kesselflicken und Verzinnen bezieht, ist es beim «Chacheler» oder «Spengler» der Steinguthändler oder Fachmann, der zerbrochene Teller und Schüsseln mittels Spangen wieder zusammenheftete. Andere betätigten sich als Messer- und Scherenschleifer, und daher werden Jenische noch heute im Engadin als «molet» (it. moléta, frz. rémouleur) bezeichnet. Im Wallis werden sie «Chorbeni» oder «vanniers», sprich Korbmacher, und im Tessin «ombrellai», also Schirmflicker, gennant.

In einigen Regionen der Schweiz galten einzelne Familiennamen oder der Herkunftsort von Jenischen lange Zeit als wichtiges Identifikationsmerkmal. So nannte man in der Nordostschweiz die Jenischen auch «Vazer», da einige Familien in «Obervaz» beheimatet waren, und ähnliches lässt sich auch zu den «Schwarzenburger» für den Kanton Bern sagen. In Graubünden bestimmte der Familienname lange Zeit, wer als Jenischer zu gelten habe, und so wurde der «Moser» oder der «Waser» zum Synonym für einen «Kessler».

Die heute gebräuchliche Selbstbezeichnung «Jenisch» wurde seit dem 18. Jahrhundert vorerst als Begriff für das Idiom fahrender Bevölkerungsgruppen verwendet. Im Laufe des 19. und 20. Jahrhunderts übertrug sich das Wort von der Sprache auch auf ihre Sprecher. Nach 1950 wurde es zunehmend in Abgrenzung zu den anderen, meist diffamierenden Ausdrücken verwendet. So nannte sich 1971 die erste Interessensorganisation für die Anliegen der Fahrenden «Jenischer Schutzbund».

Guadench Dazzi

Literatur:

  • Dazzi, Guadench, «Spengler», «cutsch» und «matlòsa». Begriffe und Bezeichnungen, in: Dazzi, Guadench, Galle, Sara, Kaufmann, Andréa, Meier, Thomas, Puur und Kessler. Sesshafte und Fahrende in Graubünden, Baden 2008, S. 10–39.

Zitierweise

Guadench Dazzi , Bezeichnungen in den Landessprachen, in: Schweizer Fahrende in Geschichte und Gegenwart. Eine Website der Stiftung Zukunft für Schweizer Fahrende <http://www.stiftung-fahrende.ch/geschichte-gegenwart/de/geschichte-der-fahrenden/selbst-und-fremdbilder/bezeichnungen-in-den-landessprachen> (Version vom 28.09.2011).

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