«Wir leben zwar in der Hauptstadt, aber praktisch niemand sieht uns»

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Freitag, 7. September 2018

Seit genau zwanzig Jahren leben Berns Fahrende auf dem vielleicht besten Standplatz der Schweiz. Sinti-Präsident Fino Winter, sagt: Der Ort ist toll, aber entwickeln kann er sich nicht. Ein Interview mit Fino Winter.

Interview: Marc Lettau

Fino Winter, seit 20 Jahren existiert der Standplatz Bern-Buech. Ist das ein Grund zum Feiern oder zum Klagen?
Ein Grund zum Feiern. Es genügt, sich daran zu erinnern, wie erbärmlich die Lage für die Sinti und die Jenischen in Bern vor 1998 war. Unter der Autobahnbrücke Weyermannshaus zu hausen, war eher ein Erdulden als ein Leben. In der schlechten Luft und eingeklemmt zwischen Öltanks, Strassen und Zentralwäscherei wurden viele krank. Buech ist klar der bessere Ort.

Gleichzeitig sagen Sie, der Standplatz Buech sei überfüllt. Er ist so proppenvoll, dass Immobilien Stadt Bern 2016 mit der Räumung «illegal aufgestellter Fahrnisbauten» drohte.
Das war ein Tiefpunkt. Heute ist der Dialog zwischen der Gemeinschaft von Buech und der Stadt wieder viel besser. Der Platz ist so voll, weil eine junge Generation heranwächst, die bei der traditionellen Lebensweise bleiben will. Das ist eigentlich ein Erfolg. Aber gleichzeitig entstehen Spannungen: Der Platz lässt sich nicht erweitern. Und nirgends ist die rasche Lösung in Sicht. Trotzdem ist für mich Buech in allerester Linie das ganz positive Beispiel.

Das positive Beispiel wofür ? Vor gut 20 Jahren entschieden die Bernerinnen und Berner an der Urne, das Leben der Minderheiten zu verbessern. 75 Prozent sagten Ja zum Standplatz Buech. Das berührt mich noch immer. Heute tönt es an der Urne ja oft ganz anders, wenns um Anliegen der Sinti und der Jenischen geht. Das macht den damaligen Entscheid noch wertvoller.

Sie sagen, in Buech sei das Leben viel besser als unter dem Viadukt. Ist es bloss besser – oder ist es nun gut?
Ja, es ist gut. Nicht perfekt, aber gut.

Nicht perfekt ist aus Behördensicht in Buech die Einhaltung der Schulpflicht.
Ich kenne diese Kritik. Sie ist nicht ganz falsch, aber auch nicht ganz fair. Wenn einzelne Familien Mühe haben, ihre Kinder regelmässig zur Schule zu schicken, dann wird das der ganzen Gemeinschaft zum Vorwurf gemacht. So übersieht man leicht, was alles besser wird.

Was deuten Sie damit an?
Unsere Kinder sind schulisch viel weiter, als wir es waren. Offen gesagt habe ich als Kind nicht wirklich lesen und schreiben gelernt. Deutsch ist ja auch nicht meine Muttersprache, sondern Sintitikes. Meine eigenen Kinder sind mir schulisch weit voraus, sprechen Fremdsprachen, beherrschen den Computer. Heutige Sinti und Jenische sind stolz, wenn ihre Kinder die besseren Startbedingungen ins Leben haben.

Umso verwunderlicher, dass die Einhaltung der Schulpflicht ein heikler Streitpunkt geblieben ist.
Wichtig ist zu sehen, wie es heute ist: Die Schulfrage hat sich normalisiert.

Wie ist das zu verstehen?
Das Problem hat sich «ausgewachsen». Es gab Kinder, die nicht zur Schule gingen. Aber es gibt heute in Buech kein schulpflichtiges Kind, das sich dem Schulbesuch einfach ganz entzieht. Das meine ich mit Wandel. Für die jungen Eltern von heute ist es ganz klar, dass die Schule wichtig ist. Ich persönlich finde den Schulbesuch im Winter, die von der Stadt Bern angebotenen Lernateliers für unsere Kinder und das Schulprojekt «Lernen unterwegs» sehr gut und extrem wichtig.

Warum?
Ganz einfach: Weil es bitter ist, wenn junge Menschen in die Sozialhilfe abrutschen und abhängig werden. Es sind bei uns noch zu viele. So gesehen hat Buech vielleicht auch Züge eines Ghettos.

Ein Ghetto? Das war bisher eher die Wortwahl der ärgsten Kritiker.
Buech ist der vielleicht allerbeste Standplatz der Schweiz. Aber er kann sich nicht richtig weiterentwickeln. Vor allem aber ist er zu unsichtbar. Neulich war Regierungsrätin Evi Allemann bei uns zu Besuch. Sie musste sich zunächst erkundigen, wo Buech überhaupt liege. So geht es allen. Wir leben in der Hauptstadt, aber praktisch niemand sieht uns. Für eine Minderheit ist das nicht gut und für die Mehrheit auch nicht. Man muss sich kennen lernen können. Das ist schwierig, wenn man verborgen bleibt.

Bis anhin schien es, die Sinti und Jenischen schätzten die Verborgenheit.
Das ist richtig beobachtet. Besonders die Sinti versuchten ihre Kultur zu schützen, indem sie sich verschlossen. Aber das hat sich gründlich geändert. Wir kommen aus dem Versteck heraus.

Warum jetzt? Wegen des Jubiläums?
Nein, wegen der historischen Wende an der Feckerchilbi von Bern. Bundesrat Alain Berset hat uns dort als Jenische und Sinti anerkannt. Zuvor waren wir immer nur mitgemeint, wenn von Fahrenden die Rede war. Damals ist ein Ruck durch die ganze Gemeinschaft gegangen. Das Selbstwertgefühl der Jenischen und der Sinti ist gewachsen. Die Leute organisieren sich besser, haben neue Ideen und wollen mehr teilen. Zum Beispiel wird morgen in Bern die neue Wanderausstellung der Sinti vorgestellt: Das ist der erste Versuch der schweizerischen Sinti, ihre eigene Geschichte fassbar zu machen – für sich selbst und für die anderen.

Trotz Geschichtsbewusstsein bleibt doch die Zukunft der fahrenden Jenischen und Sinti voller Fragezeichen.
Es ist ein grosser Unterschied, ob man verunsichert oder mit Selbstvertrauen einen Weg sucht. Aber es stimmt: Die Widerstände gegen die fahrende Lebensweise sind gross. Wir erfahren viel Zurückweisung, viele Vorurteile, viel und leider wachsenden Rassismus.

Darum lassen immer mehr Familien das Reisen bleiben?
Nein, wir sind keine «Scheinfahrenden». Wer im Sommer den Standplatz besuchte, fand ihn fast leer vor. Etwa zwei Drittel der Buech-Gemeinschaft sind im Sommer auf der Reise. Das führt auch zu Missverständnissen: Viele begreifen nicht, warum wir trotzdem eine feste Adresse brauchen.

Warum brauchen Sie eine?
Unser Leben pendelt zwischen der Freiheit des Reisens und der Verwurzelung an einem Ort. Diese Verwurzelung ist wichtig für die Kinder, die zur Schule gehen und den Kontakt zu anderen Kindern brauchen. Kein Kind hätte eine Chance, wenn wir jeden Winter woanders überwintern müssten. Wer findet, eine feste Adresse sei für Fahrende ein unnötiger Luxus, irrt sich.

Die Zahl der regulären Plätze für Fahrende nimmt in der Schweiz ab statt zu. Aber Sie selbst haben ja diesen Sommer auf Ihrer Reise gar keine regulären Durchgangsplätze gebraucht.
Das stimmt. Ich ging jeweils auf Landwirte zu und vereinbarte mit ihnen für unsere zehn bis zwanzig Gespanne einen Halt auf ihrem Land. Das ist der beste Weg. So entsteht eine Beziehung, ein Geben und Nehmen. Der Landwirt erhält die Miete fürs Land und wir die Chance fürs Arbeiten in seiner Region. Mal genügt ein Handschlag, mal schliessen wir einen Vertrag ab. Solche Spontanhalte entschärfen die ganze Platzproblematik sehr. Aber die Spontanhalte sind gefährdet.

Man kann doch die Bauern nicht zwingen, Hand zu bieten...
... Das ist der komplett falsche Blickwinkel. Viele Bauern sind sehr offen und interessiert.

Aber sie werden von den Gemeinden unter Druck gesetzt. Viele Gemeinden beschliessen «Campingverbote» und machen den Bauern mit finanziellen Forderungen Angst.
Das ist sehr schlecht. Und es ist schlecht, dass die Kantone den Gemeinden nicht klarmachen, dass so kein einziges Problem gelöst wird. Es entsteht nur noch mehr Druck, teure, offizielle Plätze zu schaffen.

Wird es in Zukunft überhaupt noch Plätze brauchen? Der fahrende Teil der Sinti und Jenischen ist im Clinch zwischen Tradition und Wandel. Ihre Perspektive ist ungewiss.
Ich sehe das nicht so schwarz. Sie hat vieles in Bewegung gesetzt. Die Anerkennung gibt uns auch die Kraft, offener über die Schwierigkeiten zu sprechen, die wir haben. Das macht uns gleichzeitig offener für den Wandel. Zudem wird die ganze Arbeitswelt mobiler. Das kommt den Fahrenden entgegen. Junge Sinti und Jenische können sich heute gut vorstellen, traditionell zu leben, aber modern zu arbeiten – etwa als Computerfachleute, Webmaster, Musiker, Fotografen.

Computertechniker statt Scherenschleifer: Ist das die neue Formel?
Nein, ich glaube eher: Beides ist eine Möglichkeit. Wenn es allen wirklich ernst ist mit dem ökologischen Leben, dem Recycling, dem Schonen von Rohstoffen, dann müssten unsere Scheren- und Messerschleifer Berge von Arbeit haben. Eine stumpfe Schere einfach wegzuwerfen, weil eine neue so billig ist, ist sicher nicht modern, sondern nur kurzsichtig. Scheren und Messer schleifen zu lassen, müsste also unbedingt Zukunft haben. Aber wir müssen uns dazu gegenseitig überhaupt finden.

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