Pro Juventute finanzierte mit Briefmarken ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit

11. September 2025

600 jenische Kinder wurden zwischen 1926 und 1973 ihren Eltern entrissen. Das Museum für Kommunikation thematisiert die Verbindung des Pro-Juventute-«Hilfswerks» mit der Post und der eigenen Sammlung.

Der Bund/Michael Feller

In Kürze:

  • Pro Juventute trennte zwischen 1926 und 1973 systematisch jenische Kinder von ihren Familien.
  • Schulkinder verkauften Briefmarken zur Finanzierung der umstrittenen Zwangsmassnahmen gegen Jenische.
  • Das Museum für Kommunikation greift das Thema in der Dauerausstellung auf.

Die Stiftung Pro Juventute rief 1926 unter dem Namen «Kinder der Landstrasse» eine damals «Hilfswerk» genannte Institution ins Leben, die Kinder von Jenischen von ihren Familien trennte und sie in Heimen oder Pflegefamilien unterbrachte. Den Jenischen und ihrer Tradition der Fahrenden (ein grosser Teil von ihnen war sesshaft) stand die Gesellschaft oft feindselig gegenüber.

Die Kinder sollten fern von ihren Eltern in einem bürgerlichen Umfeld erzogen werden. Der Kontakt zu ihren Familien wurde abgebrochen. 1973, nachdem der «Beobachter» darüber berichtet hatte, wurde die Aktion eingestellt. Bis dahin wurden rund 600 Kinder ihren Eltern entrissen. Weil auch die Kirche bei der brutalen Assimilierungsaktion mitmischte, geht die Forschung von gegen 2000 Fremdplatzierungen aus.

«Pro Juventute stand für das Gute»

Das Museum für Kommunikation in Bern greift das Thema nun auf, zunächst in der Dauerausstellung im Bereich «Geschichte des Briefs». Durch die bekannten und geschätzten Pro-Juventute-Briefmarken war die Post mit der Wohltätigkeitsorganisation verbandelt. «Die Pro Juventute stand für das Gute», sagt Historiker Juri Jaquemet, der im Museum für Kommunikation zusammen mit Jonas Bürgi das Thema betreut. Es war eine staatsnahe Organisation, nicht nur durch die Zusammenarbeit mit der Post, sondern auch weil stets hochrangige Politiker im Stiftungsrat sassen.

Die Pro-Juventute-Marken waren früher sehr beliebt. Zum postalischen Wert bezahlte man einen Aufschlag, welcher der Pro Juventute zugutekam, ein Teil davon finanzierte auch «Kinder der Landstrasse». Schulkinder zogen von Tür zu Tür, um die Marken zu verkaufen. «Das Hausieren war eine Tätigkeit, die als typisch für die Jenischen verschrien war. Diese bekämpfte man – und setzte dafür ausgerechnet hausierende Schulkinder ein», bemerkt Jaquemet. Auch betroffene Kinder halfen bei der Finanzierung ihres eigenen traurigen Schicksals, indem sie sich am schulischen Markenverkauf beteiligen mussten. Auch im Online-Suchtool des Museums, in dem sich das Archiv durchforsten lässt, gibt es bei entsprechender Suche, etwa mit dem Stichwort «Pro Juventute», Verweise auf das Unrecht.

«Verbrechen gegen die Menschlichkeit»

Ein durch den Bund in Auftrag gegebenes Rechtsgutachten durch den Zürcher Völkerrechtsprofessor Oliver Diggelmann kam im Februar dieses Jahres zum Schluss, dass die Aktion «Kinder der Landstrasse» als «Verbrechen gegen die Menschlichkeit» zu werten sei, nicht aber als Genozid im völkerrechtlichen Sinne. Dies wurde geprüft, weil die Absicht bestand, mit der Aktion die Kultur der Jenischen, die ursprünglich Fahrende waren und es teils noch immer sind, auszulöschen. Indem man ihnen die Kinder stahl.

Gründer des Hilfswerks war Alfred Siegfried. Er führte einen Kampf gegen die Fahrenden und begründete diesen mit einem schon damals fragwürdigen Menschenbild. Er ging davon aus, dass die Kinder in der Umgebung der Jenischen per se gefährdet seien.

Zuvor, 1924, wurde der damalige Lehrer im Alter von 34 Jahren vom Basler Strafgericht wegen «Vornahme unzüchtiger Handlungen mit einem Schüler» verurteilt. Vor Gericht sagte er, er habe seit dem 20. Geburtstag eine pädophile Neigung verspürt.