Wieder hat eine öffentliche Stelle den Begriff «Zigeuner» zensiert. Warum ist dieses Wort eigentlich so heikel? Ein Blick auf seine Geschichte.
Es ist ein heikles Wort. So heikel, dass die Stadt Zürich Isabella Husers Buchtitel «Zigeuner» eigenmächtig von einer Veranstaltungseinladung gestrichen hat. So heikel auch, dass die Kulturförderung Basel einen Roman von Alain Claude Sulzer nicht fördern wollte, weil das Wort darin vorkommt. Sulzer sprach daraufhin von «Zensur». Auch Isabella Huser zeigt sich über den «grotesken Zensurentscheid» verärgert – geht es in ihrem Buch doch gerade um die Aufarbeitung der Verfolgung der Jenischen in der Schweiz.
Aber warum ist das Z-Wort eigentlich so umstritten? Noch in den 1980er Jahren sang man hierzulande das Lied «Lustig ist das Zigeunerleben», und in Betty Bossis Kochbuch stand das Rezept für den «Zigeunerbraten». Betrachtet man die Geschichte des Wortes, verfliegt das romantische Bild eines freien Volkes allerdings schnell. Die Bezeichnung «Zigeuner» ist im Deutschen 1418 zum ersten Mal belegt, gemeint ist ein «Trupp» fremder Leute. Diese Leute hätten sich «Secanen» genannt, so steht es im Wörterbuch der Brüder Grimm. Das Wort stammt aus dem osteuropäischen Raum - tschechisch «cikán» , ungarisch «cigány» - und geht wohl auf das griechische «tsínganos» zurück. So nannte man im Frühmittelalter eine ketzerische Sekte in Kleinasien.
Geschichte der Verfolgung
Von der ketzerischen Sekte bis zum fahrenden Volk: «Zigeuner» ist vom Beginn der Wortgeschichte an eine Fremdbezeichnung für Gruppen, die fremd oder verdächtig erscheinen. Die Beispiele in Grimms Wörterbuch strotzen nur so von negativen Zuschreibungen: «Zigeuner» sehen «zerrissen» aus, seien «Vagabunde», «Lumpenhunde» und «Kindsräuber». Doch als «Wahrsager», «Gaukler» haben sie auch etwas Schillerndes, ihr Musizieren sei «nachahmenswert». Aus allen Beispielen wird klar: Den Menschen, die mit dem Z-Wort bezeichnet wurden, schlug neben Faszination vor allem Misstrauen, oft gar Hass entgegen. Sie prägten zwar die europäische Musikkultur vom Flamenco bis zur Schweizer Volksmusik, galten aber nicht als Teil der Gesellschaft, sondern wurden mit negativen oder exotischen Klischees versehen. Eine einheitliche Volksgruppe waren sie nie.
Noch problematischer wurde der Begriff durch die Rassenideologie der Nationalsozialisten. In pseudowissenschaftlicher Manier wurde «Zigeuner» in den Nürnberger Gesetzen als Rasse festgeschrieben. Damit legitimierten sie den Massenmord an Sinti und Roma. Mindestens 100 000 von ihnen wurden in Konzentrationslagern ermordet. Die Nazis wollten sie vernichten, aber verfolgt wurden sie auch in anderen Ländern. Die Schweiz hatte es ebenfalls auf Jenische, Sinti und Roma abgesehen.
Und hier kommt Isabella Husers Buch ins Spiel. Die reisende Lebensweise war der offiziellen Schweiz ein Dorn im Auge. Nach der Gründung des Bundesstaats 1848 begannen die Behörden, systematisch gegen «Hausierer», «Vaganten» und Nichtsesshafte vorzugehen, auch wenn deren Familien seit Jahrhunderten in der Schweiz lebten. In «Zigeuner» beschreibt Huser anhand ihrer Familiengeschichte, mit welcher Systematik die Jenischen diffamiert und gejagt wurden. Ihre Familien «auseinanderzureissen», war das erklärte, rassenbiologisch begründete Ziel der Schweizer Politik. Gegen 700 Kinder wurden von der Pro Juventute gewaltsam von ihren Familien getrennt und in Heime gebracht. Husers Vater entkam diesem Schicksal nur, weil die Familie ins Tessin floh, wo sie in einem Grand-Hotel in Lugano musizierte: «Vater am Schwyzerörgeli, Mutter am Kontrabass, und auf der Bühnenmitte, vor der Palme: Franz an der Klarinette.»
Selbstermächtigung
All dies schwingt mit, wenn man heute das Wort «Zigeuner» verwendet. Die ängstliche Zensur des Wortes darf nicht dazu führen, dass damit verbundene Geschichte und bis heute fortdauernde Diskriminierung verschwiegen werden. Die Eidgenössische Kommission gegen Rassismus, der auch Isabella Huser angehört, hält fest: «Zigeuner» gilt in weiten Kreisen als rassistische Beleidigung. Die Betroffenen selbst nennen sich «Jenische», «Sinti», «Manouches» oder «Roma». Aber eindeutig ist die Sache nicht. Es gelte zu beachten, dass ein Teil der Schweizer Jenischen und Roma das Wort «Zigeuner» «für sich als positiv besetzte Selbstbezeichnung in Anspruch nimmt» - wie dies auch Isabella Huser tut: als Selbstermächtigung. Gegen ein Wort zu kämpfen, bedeutet eben nicht automatisch, gegen Diskriminierung zu kämpfen.