Sie wohnen bei den Fahrenden, und ihr Zuhause ist ein Wagen

09. Mai 2025

Jenische und Sinti sind in Herzogenbuchsee ab sofort willkommen. Der Platz für die Sommersaison ist eröffnet, betreut wird er von einem Paar im Ehrenamt.

BZ/Stephan Künzi

In Kürze:

  • Der Durchgangsplatz für Fahrende in Herzogenbuchsee ist fertig.
  • Denise und Oliver Arni betreuen das Areal als freiwillige Platzwarte.
  • Mit ihrer Rolle als Gemeinderätin habe das Engagement aber nichts zu tun, betont Denise Arni.
  • Für die Herrichtung des Areals hat der Kanton gut 750’000 Franken ausgegeben.

«Ich freue mich», sagt Denise Arni. Drei Sommer schon hat sie mit Ehemann Oliver in einer Art Zirkuswagen neben dem Fussballplatz Waldäcker in Herzogenbuchsee gelebt. Nun steht die vierte Saison an, und auf dem Areal, das der Gemeinde gehört und bislang als vielfältig genutzter Park- und Abstellplatz diente, wird alles anders. Nach langen Jahren des Planens und Diskutierens können die Schweizer Fahrenden endlich kommen.

Regelmässig werde sie im Dorf gefragt, ob ihr wegen dieser Aussichten nicht mulmig zumute werde, fährt Arni fort. Doch dem sei nicht so. «Mir ist es wichtig, zwischen den Kulturen vermitteln zu können.» Zwischen den Jenischen und Sinti mit ihrer fahrenden Lebensweise auf der einen sowie den sesshaften Oberaargauerinnen und Oberaargauern auf der anderen Seite. Zwischen zwei Welten also, die sich in der Vergangenheit immer wieder heftig aneinander gerieben haben.

Wie Denise Arni ihre Rolle sieht

Von ihrem Standort im hintersten Teil des Areals aus haben Arni und ihr Mann den Platz stets im Blick. Das ist für die beiden insofern ein Vorteil, als sie in den kommenden Monaten die Rolle der Platzwarte innehaben werden: Bis Ende Oktober, wenn auf dem nur im Sommer offenen Durchgangsplatz die Saison zu Ende geht, werden sie auf ein gutes Mit- und Nebeneinander hinwirken.

Wobei sich die beiden nicht als Aufsicht sehen oder gar Polizei spielen wollen, diese Bemerkung ist Arni wichtig. Wie sich dieses Verständnis denn mit ihrer Rolle als Gemeinderätin vertrage, die sie vor gut zwei Jahren übernommen hat? «Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun», betont sie, die in der EVP politisiert. «Unser Projekt mit dem Wohnwagen sind wir sehr viel früher angegangen.»

Herzogenbuchsee bietet eine Alternative

Die ersten Ideen wälzten die beiden schon vor zehn Jahren. Der Moment, in dem ihre Kinder ausfliegen würden, rückte näher, und sie dachten darüber nach, dem Leben nochmals eine neue Wende zu geben. «Wir sind schon zuvor oft umgezogen», erzählt sie weiter. Ein einfaches Leben nahe an der Natur sollte es werden, er hätte am liebsten gleich ins Tipi gewechselt, was für sie aber nicht infrage kam. «Der Wagen war dann unser Kompromiss.»

Mit ihren Plänen sprachen sie bald einmal beim Gemeinderat vor. Dieser hatte dem Kanton gerade das Areal im Waldäcker als Durchgangsplatz zur Verfügung gestellt und so verhindert, dass die Fahrenden auf einer Parzelle Staatsland mitten in der Industrie angesiedelt wurden. Ein einheimisches Paar, das ebenfalls im Wagen leben wollte, kam da wie gerufen.

Durchgangsplatz lässt auf sich warten

Inzwischen ging es aufs Jahr 2020 zu, und die Behörden gingen davon aus, den Platz schon 2021 eröffnen zu können. «Wir mussten uns beeilen, wenn wir bereit sein wollten», blickt Arni zurück. Doch dann kam Corona, eine aufwendige Planung sowie Verhandlungen mit den Anstössern verzögerten das Projekt zusätzlich.

Dennoch wechselten die beiden schon im Sommer 2022 in den Wagen – unter den Bedingungen, wie sie nun auch für die Fahrenden gelten: «Wir zahlen die Standplatzgebühr, und wir ziehen im Winter in unsere Wohnung im Dorf.»

Die Funktion als Platzwarte nehmen die beiden ehrenamtlich wahr, und Arni betont nochmals, dass sie dieses Engagement nicht als Gemeinderätin angenommen habe. Im Gegenteil: Sie hoffe, sagt sie, dass das politische Amt den Kontakt zu den Fahrenden nicht erschwere. Zu belastet sei für viele das Verhältnis zu den Behörden allgemein.

Fahrende haben sich bereits angemeldet

Im Rahmen einer kleinen Eröffnungsfeier konnten die Buchserinnen und Buchser am Freitagabend den neuen, für 15 Fahrzeuge mit 60 Fahrenden ausgelegten Platz besichtigen. Zur Einrichtung gehören ein Häuschen mit Toiletten und einer Dusche, Wasser-, Abwasser- und Stromanschlüsse, ein Zaun sowie eine Barrierenanlage, die den Zutritt regelt. Gekostet haben die Arbeiten den Kanton gut 750’000 Franken.

Nun sind für den Wochenbeginn die ersten vier Fahrzeuge angemeldet, und Arni wartet gespannt darauf, wie es losgeht. Ihr Optimismus bleibt ungebrochen. Sie schöpft ihn aus ihrer Arbeit als Schulleiterin an der Mittelstufe im Dorf: «Ich bin es gewohnt, Leuten verschiedenster Herkunft zu begegnen und mit ihnen umzugehen.»