Bünderjenisch

30. Gennaio 2019

Daniel Huber ist so schweizerisch wie ein Schwyzerörgeli, so bündnerisch wie ein Mungg, und so jenisch wie ein «Fränzli». Er erzählt vom jenischen Alltag in Graubünden und wie sich dieser über die Generationen hinweg, von seinem Vater zu seinem Enkelkind, verändert hat – in den jenischen Knochen steckt noch viel Schmerz, der überwunden werden muss.

Daniel Huber sitzt in der Beiz beim Platz Rania nähe Zillis im Fumoir, in der Ecke steht ein kleines Keyboard neben dem Schwyzerörgeli und der Zigaretten-Einroll-Dings-Maschine. Den Jenischen sieht man ihm am silbernen Ohrring mit Triangel an, der ihm vom linken Ohr baumelt. Ansonsten muss man schon zuhören. Wenn er zum Beispiel vom «Scharotl», dem Wohnwagen redet. Oder vom «Funi», dem Feuer, oder vom «Tschuggel», dem Hund. Er zankt mit dem Tischnachbarn, wie dringend der Schnee vom Wohnwagen gefegt werden muss, bevor er zu schwer wird.

Daniel Huber raucht, trinkt Kaffee, und erzählt. Jenische können gut erzählen. Packend, bildreich, ausdrucksstark. Manchmal etwas dramatisch zugespitzt. Ihre ganze Kultur ist eine Erzählkultur. Deshalb gehören sie auch zu den Ersten, die Mobiltelefone nutzten. Geräte, die man damals noch im Kofferraum verstaute. Heute liegt das Natel neben Dani Huber auf dem Tisch. Er ist soeben von Zürich nach Zillis gefahren. Denn seit er vor acht Jahren das Präsidium der Radgenossenschaft übernommen hat, ist er mit seiner zweiten Frau wieder sesshaft geworden. Hat den Wohnwagen nach 25 Jahren auf Reise durch einen Mietvertrag ersetzt. Wie übrigens die meisten Jenischen. Von den ungefähr 30 000 Jenischen in der Schweiz sind nur rund ein Zehntel Fahrende, «Volljenische» wie zum Beispiel Daniels Söhne Benjamin (33) und Jeremy (30), die noch nie einen Fuss in eine eigene Wohnung gesetzt haben.

Hier wird auf den ersten Blick ersichtlich, dass nicht nur campiert, sondern gelebt wird.

Fahrende verbringen vor allem die Sommermonate auf Plätzen wie hier in Zillis, wo auf den ersten Blick ersichtlich wird, dass nicht nur campiert, sondern gelebt wird. An den Dekorationen in ihren Pavillons zum Beispiel. In Graubünden können Fahrende mit Schweizer Bürgerrecht ausserdem Durchgangsplätze in Felsberg, Bonaduz oder Zillis benutzen. Kolleggers, Werros, Kesslers, Wasers, Mosers in der ganzen Schweiz haben ihre jenischen Wurzeln in Graubünden. Ganze Dörfer sind immer noch jenisch geprägt, zum Beispiel Lain, Muldain, Vaz/Obervaz, Zorten, oder auch das Welschdörfli in Chur, wo das Olmische Kober, eine Beiz für den Olmischen, den «Ältesten», Gäste bewirtet. Zahlreiche Jenische stammen auch aus Morissen, wo sie als Kleinbauern ansässig waren. Auch Daniel Huber hat hier Wurzeln. Sein Vater Robert Huber hatte das Bürgerrecht von Savognin, sein Onkel lebte in Schluein. Wobei ein Jenischer seine Heimat nicht aufgrund von Kantonsgrenzen definiert. Heimat ist mehr ein Gefühl. Und das erste Mal fühlte Dani Huber Graubünden mit 15 Jahren, auf seiner ersten Reise.

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